Ich war gestern mit dem Zug unterwegs, da wartet man natürlich ab und zu beim Umsteigen. Aus Spaß habe ich mal den Anteil der “wertschöpfenden Zeit” and der gesamten Reisezeit ausgerechnet. Für meine Zwecke ist das die Zeit, in der mich ein Zug meinem Ziel näher bringt. Auf Wartezeiten auf dem Bahnhof kann ich natürlich gern verzichten.
Ich habe in Greifswald vielleicht 13 Min gewartet (bevor ich in den ersten Zug stieg), in Berlin 24 min, planmäßig in Hannover 13 min, und zuletzt in Frankfurt 20min. Die gesamte Reisezeit beträgt 9 Stunden, davon Wartezeit: 70 Minuten. Das ist ein Anteil von 13%. Mit anderen Worten: wenn alles planmäßig verläuft, bin ich 87% der Zeit “wertschöpfend” unterwegs gewesen.
Im Lean Thinking nennt man die wertschöpfende Zeit auch “touch time”, also die Zeit, in der ein Werkstück bearbeitet wird. Das ist sozusagen der unverzichtbare Teil der gesamten Durchlaufzeit. Der Rest wird durch Verzögerungen wie Wartezeiten, Mängelbeseitigung usw. verbraucht (vergeudet - “waste”). Wenn wir die Durchlaufzeit so kurz wie möglich machen wollen, können wir u.a. bei den nicht wertschöpfenden Zeiten ansetzen.
Wenn wir diese Betrachtungsweise auf unser IT-Projekt-Geschäft übertragen, sieht das ungefähr so aus: Im IT-Kontext betrachten wir die Durchlaufzeit für eine Aufgabe, etwa eine zu implementierende User Story. Die Zeit wird End-to-End gemessen z.B. von der ersten Spezifikation bis zur Auslieferung im Produktivsystem. In vielen Organisationen ist der Anteil an wertschöpfender Zeit ziemlich gering.
Ein Beispiel: Nehmen wir an, dass die eigentliche Bearbeitungszeit (Spezifizieren, Programmieren, Testen u.ä.) einer User Story insgesamt 4 Stunden beträgt, also einen halben Arbeitstag.
Wenn man Scrum mit zweiwöchigen Sprints macht, braucht eine neue User Story gut und gerne drei Wochen: Eine Woche (mittlere Wartezeit) von der Idee bis zum Start des nächsten Sprints, dann zwei Wochen im Sprint. Drei Wochen haben 15 Arbeitstage. Die vier Stunden Bearbeitungszeit sind davon nur 3,3% (1/30). 96,7% ihrer Zeit verbringt die User Story also mit Warten: auf einen Entwickler, auf einen Tester, auf Antwort zu einer Rückfrage usw.
Da war ich mit meinen 13% Wartezeit auf Bahnhöfen doch gar nicht so schlecht.
Übrigens: Wenn Sie bei einer Aufgabe in der IT mit drei Übergaben mehr als 50% wertschöpfende Zeit schaffen, sagen Sie mir doch bitte Bescheid!
Matthias Berth